Kapitel 1:
Vorteile des industriellen Fernzugriffs verstehen
Kurzüberblick:
In diesem Kapitel erfährst du, warum Fernzugriff notwendig ist, welche Vorteile er bietet, wie sich die Technologien historisch entwickelt haben und welche wirtschaftlichen und technischen Mehrwerte daraus entstehen.
Warum ist Fernzugriff notwendig?
Fernzugriff ist für industrielle Maschinenbauer seit jeher ein zentrales Anliegen: Der Wunsch, den Betrieb von Maschinen aus der Ferne zu überwachen und beurteilen zu können, besteht praktisch so lange, wie es Maschinenbau gibt.
Für OEMs mit weit verteilten Maschinen bei Kunden und für Endanwender mit mehreren Werken sowie eigenen Entwicklungszentren ist die Einsicht in entfernte Anlagen ein starker geschäftlicher Treiber.
Typische Anwendungsfälle (auf einen Blick)
- SPS-Fehlersuche und Programmierung aus der Ferne
- HMI anzeigen und steuern – remote und nachvollziehbar
- Sicherer Fernzugriff auf Industriemaschinen
- Webkamera anbinden zur visuellen Unterstützung
- Techniker vor Ort unterstützen, z. B. bei der Inbetriebnahme
Fernzugriff für Unternehmen in der Industrie kennenlernen
Wenn du remote auf das Steuerungssystem einer Maschine zugreifen kannst, wird die Fehlersuche deutlich effektiver: Typischerweise lassen sich dadurch etwa 60 bis 70 % der Betriebsprobleme lösen, ohne dass Supportpersonal dafür anreisen muss – weder regional noch international.
Viele produktionskritische Probleme entstehen weniger durch einen Defekt der Maschine selbst, sondern durch notwendige Anpassungen in der Programmierung oder an Betriebsparametern.
So kannst du zum Beispiel Änderungen bei Rohstoffen, Verschleiß oder anderen Produktionsfaktoren berücksichtigen, die sich über die Zeit verändert haben.
Von reaktiv zu proaktiv: der strategische Hebel
Fernzugriff ermöglicht den Wechsel vom reaktiven Support hin zu einem proaktiven Servicemodell, das die Wettbewerbsfähigkeit stärkt.
Geschäftsvorteile:
- Verbesserte Reaktionsfähigkeit: schneller reagieren, schneller lösen
- Geringere Auswirkungen von Notfällen: Schäden und Stillstände reduzieren
- Optimierte Ingenieursauslastung: Ressourcen gezielter einsetzen
- Mehr Maschinenbetriebszeit & Produktivität: Verfügbarkeit erhöhen
- Senkung der Reisekosten: weniger Vor‑Ort‑Einsätze
Kosteneinsparungen:
Vor Ort Einsatz vs. Fernzugriff (Beispiel)
Die Tabelle zeigt beispielhaft, welche Kosten bei einem kurzfristigen Termin vor Ort anfallen können – im Vergleich zur Anschaffung eines Fernzugriffsgeräts.
Kostenbeispiel für einen kurzfristigen Termin vor Ort
| Beschreibung | Kosten |
| Reise zum örtlichen Flughafen | €20 |
| Flugkosten | €600 |
| Mietwagen (drei Tage) | €170 |
| Hotel (zwei Nächte) | €285 |
| Lebensmittel und Nebenkosten | €230 |
| Parken (drei Tage) | €30 |
| Insgesamt (ohne Ingenieurskosten) | €1.335 |
| Ungefähre Kosten für Ewon Cosy | €500 |
Schnellere Lösung = weniger Stillstand, besseres Kundenerlebnis
Eine schnelle Problemlösung führt zu weniger Ausfallzeit und zu einer schnelleren Rückkehr zur vollen Produktion beim Endkunden.
Und selbst wenn ein Vor‑Ort‑Einsatz nötig ist, verbessert Fernüberwachung die Vorbereitung: Es kann gezielter sichergestellt werden, dass die richtige Person mit den passenden Fähigkeiten, den richtigen Teilen und geeigneten Werkzeugen geschickt wird.
Das zahlt auf ein besseres Kundenerlebnis und höhere Kundenzufriedenheit ein.
Zusätzliche Serviceleistungen als Umsatzchance
Der Druck, Fernzugriffsstrategien einzuführen, hat zugenommen, weil immer mehr Fachkräfte altersbedingt ausscheiden.
Das Know‑how der verbleibenden Spezialisten muss auf mehr Produktionsmaschinen verteilt werden – und diese stehen zudem häufig weltweit.
Neue Services als Umsatzchance
Maschinenbauer sehen im Fernzugriff außerdem die Möglichkeit, neue proaktive und präventive Dienstleistungen zu entwickeln, die zusätzlich Umsatz generieren können.
Effizienz & Wettbewerbsvorteile durch Fernzugriff
Grundsätzlich strebt jedes Unternehmen nach höherer Effizienz – und Effizienz bedeutet in der Regel weniger Abfall und weniger Verschwendung.
Maschinenbauer können sich Wettbewerbsvorteile sichern, indem sie Fernzugriff nutzen, um mehr Kunden zu betreuen und gleichzeitig neue geografische Märkte zu erschließen – auch ohne lokale Serviceeinheit.

Die Geschichte des Fernzugriffs
Früher bestand Fernzugriff oft aus einer „Out‑of‑Band“-Verwaltung über eine Terminalkonsole, angebunden per analogem Telefonnetz und Modem.
Diese Systeme waren langsam, häufig schwer zu installieren und teuer im Betrieb sowie in der Wartung.
Trotzdem ist der Modem‑Fernzugriff auch heute verbreitet – unterstützt durch verfügbare Hochgeschwindigkeits‑Mobilfunknetze.
Der wichtigste Vorteil dieses Ansatzes: Er ermöglicht Zugriff auf Steuerungsdaten und umgeht das Unternehmensnetzwerk des Kunden.
Drahtlose Modems, die über Mobilfunk‑Datennetze kommunizieren, sind bei vielen SPS‑Anbietern verfügbar.
Dabei sind weder Festnetzleitung noch IT‑Netzanbindung erforderlich – allerdings kann die Funkabdeckung in Produktionsbereichen ein Problem darstellen.
Zusätzlich bringt die Zusammenarbeit mit Mobilfunkanbietern Komplexität mit sich: SIM‑Karten mit festen IP‑Adressen kosten extra und sind in Beschaffung sowie Konfiguration häufig zeitaufwendig.
Außerdem entstehen laufende Netzzugangs‑ und Nutzungsgebühren, die sich schnell summieren – Kosten, die Maschinenbauer oft vermeiden möchten, insbesondere wenn keine permanente Verbindung gebraucht wird.
Das Internet nutzen
Eine bessere Möglichkeit für den Fernzugriff auf einen Computer ist die Nutzung von Internet und Cloud‑Computing.
Die größte Herausforderung dabei: die sichere Verwaltung der Verbindung zwischen dem Computer, dem Unternehmensnetzwerk des Endanwenders und damit dem Internet.
IT‑Abteilungen sind verständlicherweise zurückhaltend, pauschalen Netzwerkzugang für externe Personen zu erlauben – vor allem aus Sicherheitsgründen.
Fernzugriff bei Bedarf
In der Fernverwaltung von Anlagen, bei der Kontrollmöglichkeiten entscheidend sind, ist oft ein dauerhafter Zugriff erforderlich.
Maschinenbauer benötigen jedoch nicht immer eine permanente Verbindung: Für Fehlersuche, Wartung oder Service kann Fernzugriff auch On‑Demand umgesetzt werden.
Warum ist das wichtig? Erstens möchte der Endanwender möglicherweise einen ständigen externen Zugriff verhindern.
Das physische Trennen vom LAN ist zwar nicht zwingend notwendig, gibt dem Endanwender jedoch die physische Kontrolle, wann und wie lange ein Zugriff möglich ist.
In dieser Situation wird der Rechner typischerweise vom LAN getrennt und nur bei Bedarf oder auf Anforderung des Maschinenherstellers wieder verbunden.
Wenn die Fernkonnektivität zudem volumenabhängig abgerechnet wird (wie häufig bei Mobilfunk), kann es sinnvoll sein, nur bei Bedarf zu verbinden und entsprechend auch nur dann zu bezahlen.
Ausgehende Verbindungen
VPNs sind technisch betrachtet eine sehr gute Lösung.
In der Praxis ist es jedoch komplex, eingehenden Netzwerkzugang korrekt einzurichten und gleichzeitig hohe Sicherheit zu gewährleisten.
Ein Grund: Jeder Automatisierungsanbieter nutzt üblicherweise unterschiedliche Netzwerkports, und ein sauberer Pfad durch Kunden‑Firewalls erfordert sorgfältige Konfiguration – oft inklusive anspruchsvoller Abstimmungen mit zurückhaltenden IT‑Abteilungen.
Wenn du stattdessen auf eine ausgehende Verbindung über das Werks‑LAN setzt, löst du viele Firewall‑Probleme von Beginn an:
Wenn keine eingehenden Verbindungen nötig sind, müssen in der Unternehmensfirewall keine Ports geöffnet werden.
Damit sind in der Regel keine IT‑ oder Firewall‑Änderungen erforderlich, um die Kommunikation aufzubauen.
Softwarebasierte Lösungen
Über das Internet kann ein lokaler Überwachungs‑PC mithilfe VNC‑ähnlicher Technologien oder anderer PC‑basierter Fernzugriffssoftware remote aufgerufen und gesteuert werden.
Die Software spiegelt dabei den entfernten Rechner mit der Bedienoberfläche und überträgt die Kontrolle an den Remote‑Nutzer.
Solche Lösungen können für den Fernzugriff auf einen PC grundsätzlich funktionieren – häufig gewähren sie jedoch Zugriff auf das gesamte Netzwerk, was besonders aus Sicherheitsgründen in vielen Fällen nicht akzeptabel ist.
Zudem ist ein Industrie‑PC nötig, der die Anwendung auf dem entfernten System ausführen kann.
Das verursacht zusätzliche Hard‑ und Softwarekosten, wodurch die Gesamtbetriebskosten häufig höher ausfallen als bei einem dedizierten Gerät.
Routerbasierte VPN Lösungen
Eine weitere Lösung ist eine On‑Demand‑VPN‑Verbindung über einen Industrierouter und eine cloudbasierte Management‑Infrastruktur.
Eine SSL‑VPN‑Verbindung ist für die IT‑Abteilung des Kunden in der Regel wenig problematisch.
Unter Sicherheitsaspekten ist dieser Ansatz sogar besonders interessant, da automatisch eine logische Netzwerktrennung zwischen Maschine und Werks‑LAN entsteht.
Damit ist sichergestellt, dass der Ferntechniker keinen Zugriff auf das Werks‑LAN erhält und ausschließlich die Geräte erreichen kann, die hinter dem Fernzugriffsrouter angeschlossen sind.
Maschinenbauer können so Maschinenflotten über eine zentrale, sichere Schnittstelle verwalten.
Endanwender können die Plattform nutzen, um Fernzugriffsrechte bei mehreren OEMs zu administrieren.
Aus diesem Grund ist dies die Lösung, auf die der Autor in diesem Buch besonders fokussiert.


